Simon W. - Lakefield

Simon W. im Rollstuhl zum Sprachcamp: "Face the challenge!"

Wir sind eine ganz normale Familie: Vater, Mutter, zwei Kinder – Jungs im Alter von 18 und 15. Wir machen gerne Sport und wir reisen gerne. Unsere Besonderheit ist: der jüngere Sohn, Simon, ist Rollstuhlfahrer. Er war schon immer auf einen Rollstuhl angewiesen, weil er mit einer Behinderung geboren wurde. Deshalb ist das für uns normal – einer fährt eben Rollstuhl.

Nachdem unser großer Sohn von einem längeren Auslandsaufenthalt zurück nach Hause kam, stellte sich für Simon die Frage: Und was ist mit mir? Wie kann ich mal ins Ausland und was lernen? Gute Frage! Ich wandte mich an die Carl Duisberg Centren, die Organisation, mit der unser großer Sohn ein ganzes Jahr im Ausland verbracht hat. Das Interesse und die Bereitschaft waren groß, uns zu helfen, aber es gab noch keine Erfahrungen mit Rollstuhlfahrern.

Zuhause wurden Prospekte des Veranstalters geblättert. Es war vor allem das Sprachcamp in Lakefield in der kanadischen Provinz Ontario, das es Simon angetan hatte Die Kombination aus Wassersport und Englischunterricht klang sehr gut. Nach vielen Telefonaten und Abstimmgesprächen kam nach sechs Monaten die positive Nachricht: Wenn Simon mit Begleitung kommt, müsste es zu schaffen sein. Gut, sehr gut: Wir probieren das! Irgendwie kommen wir schon zurecht!

Es folgte die Feinplanung, und schließlich saßen wir im Sommer 2011 voll Spannung im Flieger nach Toronto. Von dort wurden wir in 1 ½ Stunden ins Lakefield Camp gefahren. Das Gelände und die Wohneinheiten dieses noblen kanadischen Internats werden unser Zuhause für die nächsten zwei Wochen sein. Erster Eindruck: Toll hier!

Simon ist in einem Haus mit den „Senior Boys“ untergebracht. Wir teilen uns ein Zimmer. Das Haus liegt am Berg, der Weg dorthin und zurück ist relativ steil und zum Teil nicht asphaltiert. Nicht ideal, aber wir bekommen das hin. Schnell gibt es Hilfsangebote der anderen Campteilnehmer, den Rolli am steileren Stück zu schieben. Gemeinsam erkunden wir das Gelände. Vor allem der See mit seinen Möglichkeiten ist herrlich. Man kann segeln, Kanu fahren und es gibt Kajaks.

Nach und nach kommen immer mehr Jungendliche an, sie kommen aus der ganzen Welt. Dies ist ein internationales Camp mit Schwerpunkt Wassersport, aber auch andere Sportarten wie Tennis und Bogenschießen werden angeboten. Zusätzlich gibt es die Möglichkeit zum Englischunterricht. Der Tagesplan der Teilnehmer ist gefüllt von morgens um 7.30 mit Aufstehen bis abends um 21.00 Uhr.

Für mich als Begleitperson ist mit der Ankunft eigentlich der „Standby Modus“ in Kraft getreten. Ich bin unsichtbar und werde nur bei erforderlichen Hilfeleistungen in Erscheinung treten. Simon ist sich ganz sicher: Er möchte alles hier allein machen. Das gesamte Programm ist für mich tabu und ich gestalte meine Tage für mich. Ich mache viel Sport und bin am See, achte aber darauf, dass ich möglichst nur dann dort bin, wenn die Camper ein anderes Programm haben. Ich bin eigentlich nur bei den Mahlzeiten in der Cafeteria dabei und auch hier achte ich darauf, mich in einen anderen Teil des Raumes zu setzen. Eine interessante, neue und schöne Erfahrung für mich.

Die Atmosphäre hier im Camp beeindruckt mich sehr, und ich sehe, wie wohl sich die Kinder und Jugendlichen hier fühlen. Sie sind von 9 bis 17 Jahre alt. Mädchen und Jungen wohnen in unterschiedlichen Häusern und sind entsprechend ihres Alters getrennt, sodass sich einzelne, altershomogene Gruppen bilden können.

Die Lehrer hier im Camp sind fast alle Anfang bis Mitte 20. Sie sind den Kindern sehr positiv zugewandt und unterstützen, wo sie können. Sie verbreiten eine Atmosphäre des „Angenommenseins“, so wie man ist. Sie wollen, dass die Jugendlichen eine richtig gute Zeit miteinander haben. Und das kann man spüren.

Simon ist der einzige Rollstuhlfahrer und hat sofort Anschluss an seine Gruppe. Er genießt das Leben im Camp. Ich freue mich über sein Bestreben, wirklich möglichst viel alleine zu bewältigen und sich nur Hilfe zu holen, wenn nötig. Einzige Sprache im Camp, die von allen gesprochen wird, ist Englisch, und es ist schön zu sehen, wie mutig und souverän er die Fremdsprache schon nach wenigen Tagen benutzt.

Es werden Ausflüge gemacht, bei denen meine Anwesenheit von meinem Sohn nicht erwünscht ist. Ein Ausflug geht in den Freizeitpark „Canada's Wonderland“.

Auch andere und ganz besondere Aktivitäten wie eine Kanutour mit abschließendem Mutsprung von einer Brücke in einen Fluss und Klettern an einer Kletterwand werden von Simon mit Begeisterung wahrgenommen. Im Camp gibt es nicht die üblichen Aussagen, die wir oft in Deutschland zu hören bekommen: „Nein, das kannst du aber nicht als Rollstuhlfahrer!“ oder „Wie willst du das bloß machen? Im Camp ist es stets nur die Frage, „Simon, wie geht das für dich und was können wir für dich tun, damit es geht?“

Simon erfährt zum ersten Mal, dass ein Rollstuhlfahrer wirklich nichts Besonderes ist. Er ist ein Mitglied der Gruppe, wie jeder andere auch. Ausgrenzung? Fehlanzeige! Sonderbehandlung? Fehlanzeige! Eben einfach ganz normal! Endlich haben wir erfahren können, was unter „Inklusion“ verstanden wird. In Deutschland sind wir noch weit weg von einer solchen Haltung. Hier wird sie ganz automatisch gelebt.

Die Zeit im Lakefield Camp war sehr intensiv und gefüllt mit guten Erlebnissen und Erfahrungen. Natürlich, die Räumlichkeiten waren nicht immer so barrierefrei, wie man es sich wünschen würde. Dafür waren die Menschen in ihren Köpfen und vor allem in ihren Herzen so barrierefrei, wie man es sich nur wünschen kann.

Man muss ein wenig mutig sein und das Abenteuer wagen. Wenn man wirklich wachsen will, ist ein solcher Aufenthalt eine tolle Möglichkeit, seine Grenzen anders zu stecken. Durch die vielen sportlichen Aktivitäten, durch die Bewegung in einem fremden Land, unter fremden Menschen, in einer fremden Kultur, entsteht auch eine Beweglichkeit für uns – im Kopf.

Also, vielleicht sehen wir uns nächstes Jahr wieder - in Lakefield oder anderswo?

Jutta W.



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